Die meisten Lernprobleme entstehen auf der Beziehungsebene.

 

 

 

Die schönsten Ziele und besten Methoden bringen nichts, wenn sie nicht in eine passende Kultur eingebettet werden. Diese Kultur haben wir nicht einfach beschlossen, sie ist in unserer Gruppe gewachsen und von unseren Trainierenden mitgeformt worden. Einige der für uns wichtigen Eckpunkte möchten wir hier gerne vorstellen.

 

 

1. Die Rolle des Trainers

 

Der Trainer versteht sich als Begleiter der Trainierenden. Er verfügt über einen wesentlich höheren Erfahrungs- und Wissenshorizont, wenn es um die Anwendung und Vermittlung des Fechtsystems geht. Allerdings ist er sich im klaren, dass jeder Trainierenden ebenfalls über einzigartige Erfahrungs- und Wissenshorizonte verfügt. Er respektiert dies und versucht, im Training Integrationsmöglichkeiten für diese Horizonte zu schaffen. Er verfügt über eine ausdifferenzierte Bewegungssprache. Zudem hat er seine Kampf- und Trainingserfahrungen, wie auch sich selbst reflektiert. Er strebt nicht nach Machtstrukturen und hat ein positives Verhältnis zu Fehlern, auch zu seinen Eigenen. Seine Hauptaufgabe ist die Genese sogenannter Erfahrungsfelder, die im Folgenden erklärt werden.

Um diesen Punkt zu gewährleisten, durchläuft jeder Trainer bei uns einen mehrmonatigen angeleiteten Selbsterfahrungsprozess und , wenn nötig, auch eine Therapie. Zudem unterziehen sich alle Trainer regelmäßig einer Supervision.

 

 

2. Fehler

 

Im Training wird eine positive Fehlerkultur erschaffen und gepflegt. Fehler werden als Zeichen der Entwicklung gesehen und auch so kommuniziert. Dem Trainer obliegt die Aufgabe, immer wieder auf die positiven Aspekte der aufkommenden Fehler hinzuweisen und sie erlebbar zu machen. Er nutzt zudem seine eigenen Fehler, um die Notwendigkeit bestimmter Systemelemente zu verdeutlichen und die Trainierenden zum wachen Beobachten einzuladen. Hier einige Beispiele:

Der Trainer will eine Technik demonstrieren, begeht dabei aber einen Handlungsfehler und wird getroffen. Er hält inne und fragt sofort die Gruppe, ohne weitere Erläuterungen oder Relativierungen: „Was hab ich falsch gemacht? Hat jemand den Fehler gesehen?“ Sofern es ihm möglich ist, erläutert er anschließend die äußeren und inneren Prozesse, die zum Fehler geführt haben.

Ein Fechter wird immer in derselben Situation getroffen. Der Trainer fragt den Fechter, ob er die Situation beschreiben kann und wie es seiner Meinung nach zu dem Problem kommt, der Trainingspartner des Fechters wird in die Fragerunde mit einbezogen. Sollte der Fechter oder der Partner keinen Zugang zum Fehler finden, kann der Trainer Hinweise geben. Ziel ist es, dass der Trainierende selbst eine Lösungsrichtung findet und diese auch verbal zum Ausdruck bringt.

 

 

3. Hierarchie

 

Der Trainer begreift sich als Mensch mit einem ganz bestimmten Erfahrungs-und Wissensschatz. Im Training steht er anderen Menschen mit ganz bestimmten Erfahrungs- und Wissensschätzen gegenüber. Zusammen suchen sie nach Möglichkeiten, wie für jeden das spezifische Kampfsystem erleb- und erlernbar gemacht werden kann. Aufgrund der unterschiedlichen Biografien, Anatomien und Haltungen, müssen für jeden Trainierenden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. Dieser Ansatz wird klar kommuniziert und erlebbar gemacht. Die Kernfragen sind:

  • Was kann der Trainer tun, um dem Trainierenden zu helfen?
  • Was kann der Trainierende selbst tun?
  • Was kann im Training gemacht werden?
  • Was kann und sollte außerhalb des Trainings gemacht werden?

Die Trainierenden werden zudem darum gebeten, ihr Erleben der Methoden und Inhalte auszudrücken und auch Probleme mitzuteilen. Zusammen wird analysiert, was dem Trainierenden im Training fehlt und welche Ansätze er beitragen kann. Der Trainer kommuniziert ebenfalls Unsicherheiten und legt die Hintergründe seiner Methodik offen. Wo es angebracht ist, lädt er die Trainierenden zur Prüfung ein. Beispielsatz: „Schaut mal, ob das so für euch funktioniert.“ Im Gegensatz zu: „Macht das jetzt so.“

 

4. Die Rolle der Gemeinschaft

 

 

Aus den vorherigen Eckpfeilern wird bereits die Rolle der Gemeinschaft ersichtlich. Jedes Mitglied der Gruppe wird in den Lehrprozess mit eingebunden. Unser soziales Leitbild drückt sich im Folgenden Satz aus:

„Nur durch die Erfahrungen und Potenziale jedes Gruppenmitgliedes kann das Mosaik des Systems zusammengesetzt werden.“

Die Gruppenmitglieder werden außerdem darum gebeten, alle Übungen selbständig an die jeweilige Partnerkonstellation anzupassen. Die einzelnen Mitglieder kommunizieren untereinander also sehr viel und auf empathische Weise. Das führt dazu, dass Neueinsteiger ohne größere Probleme in die Gruppe integriert werden können. Zudem lernt jeder Fechter, dass er sich selbst zeigen darf und Grenzen setzen kann, die respektiert werden. Erfahrenere Fechter verinnerlichen Rücksichtnahme und Empathie. Aufgrund der freien Übungen merken alle Trainierenden, dass jeder Mensch über ein individuelles Kampfpotenzial verfügt, egal wie lange er schon trainiert. Das schafft Respekt und eine andere Perspektive auf den Begriff des Könnens.

In regelmäßigen Abständen kommt die Gruppe zusammen und teilt ihre Eindrücke und Erkenntnisse mit. Auch wird immer wieder gefragt, wie die Fechter sich fühlen oder sich selbst erleben. Auf diese Zustände nehmen dann alle Rücksicht.

 

 

5. Sprache

 

Die angewandte Sprache spielt im Training eine große Rolle. Wir können an dieser Stelle nur einige Schwerpunkte nennen:

  • Fragen

Fragen machen den Schwerpunkt im Repertoire des Trainers aus, da sie die Trainierenden aktivieren und auf ihr eigenes Erleben der Situation fokussieren. Gleichzeitig helfen die Antworten den Trainierenden, eine eigene Bewegungsprache zu entwickeln und auch Fragen an sich und die Situation zu stellen.

 

  • Vermeidung von dogmatischen Aussagen und Haltungen

 

Es besteht der Anspruch, jede Bewegung an die jeweiligen Kontexte binden zu können. Keine Bewegung ist grundlegend falsch, es stellt sich jedoch die Frage, ob sie im Kontext der Gefechtssituation von dem Kämpfer tatsächlich produziert werden kann.

 

  • Vermeidung von überflüssigen Negationen

 

Wir versuchen, den Trainierenden ihre Möglichkeiten aufzuzeigen. Im Fokus steht, was sie machen können.

 

  • Ausdrücken des eigenen Erlebens durch Ich-Botschaften

Der Trainier teilt den Trainierenden seine Einschätzung einer Handlung oder Situation mit. Er ist sich im Klaren, das es sich nur um eine persönliche Einschätzung handelt, die so nicht für den Trainierenden gelten muss. Er nennt deshalb die Kriterien, auf denen seine Einschätzung beruht und fragt den Trainierenden nach seinem Standpunkt.

Beispiel: „Mir erscheint die Beinarbeit für diese Gefechtssituation nicht sinnführend, da die Kraft des Angriffs nach vorne geht und der Schritt nach hinten. Ich würde mich jetzt immer noch von der Waffe des Gegners bedroht fühlen. Wie siehst du das?“

  • Einladungen

Der Trainer lädt die Trainierenden zur Einnahme eines anderen Standpunktes ein: „Versucht mal, ob das so für euch klappt. Wenn nicht, bitte sofort Bescheid sagen. Wir überprüfen dass dann in der Gruppe.“

  • Gelebte Dankbarkeit

Wir bedanken uns für viele Dinge. Für den Hinweis auf Fehler, für Erfahrungen, die uns durch den Partner ermöglicht werden und für ein schönes Training.

Erst diese Kultur macht die Umsetzung unserer Trainingsmethoden und das Erreichen unserer Trainingsziele möglich. 

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